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Die agonisierende Gesellschaft (von dsb) 29.11.02

Es kommt nicht von ungefähr, wenn Sie diesen Artikel in Ihrer Zeitung oder Zeitschrift lesen. Als ich angefangen habe ihn zu schreiben, wusste ich noch gar nicht, ob und wo er veröffentlicht werden könnte. Ich war mir aber trotzdem recht sicher, dass er erscheinen würde. Ich wusste es, weil ich etwas von Marketing verstehe. Ich wusste, dass ein Verlag meistens nur das publiziert, was die Menschen gerade hören wollen. Vielleicht tue ich dem jetzt publizierenden Verlag unrecht. Vermutlich nicht, weil es nur wenige gibt die bereit sind, Risiken einzugehen und neue Wege zu beschreiten, die "kreativ" sind. Aber jetzt wollen Sie ja alle hören, dass es uns schlecht geht ? Asereje!

Deswegen agonisiert Deutschland.

Wir sind mit unseren Systemen am Ende. Wir haben Kreativität getötet.

Wir haben sie getötet, weil sie uns zu laut, zu schmutzig, zu chaotisch ist. Wir haben sie versucht zu ordnen, zu strukturieren, zu "kalkulieren". Jedes mal, wenn sie irgendwo aufgetaucht ist, haben wir alles getan, um sie zu verjagen. Pfui! Schnell eine Verordnung, das kann doch nicht so sein, es zerstört unsere ORDNUNG, es bedroht unsere SICHERHEIT, aufhören, fügen Sie sich gefälligst, Sie SPINNEN doch!?

Das ist die perverseste Art von Selbstmord. Denn ohne Kreativität stirbt jede Gesellschaft. Wir dulden sie nur noch ein bisschen in der Kultur oder im Fernsehen, weil wir irgendwie doch immer noch unsere Freude an Hofnarren haben. Typisch, wir dulden es ja, dass diese Hofnarren uns die Wahrheit ins Gesicht sagen. So wie früher nur der Hofnarr den König kritisieren durfte, ohne bestraft zu werden. Weil es ja Spaß ist, wer hört schon auf einen Hofnarren? Man lacht nur über ihn. Gestern, 22:45 - Harald Schmitt Show, Toll, hohe Einschaltquoten. Aber haben wir zugehört? Haben wir verstanden? Nein, wir haben gelacht. Ohr, Lachmuskel, Weg. Auch schön.

Sobald wir die Kunst verlassen, sobald wir Politik, Wirtschaft oder jeden anderen Bereich betreten, hören wir auf zu lachen. Sobald jemand mit einer guten Idee kommt, ein "Kreativer", machen wir ihn platt! "Das geht nicht, das können wir nicht machen, was wird der Controller dazu sagen - Der Betriebsrat ist bestimmt auch dagegen, lassen wir es lieber bleiben". Tot.

Neuer Anlauf, andere Szene: "Nicht schlecht, könnte echt was bringen. Aber wir kriegen es nicht durch, die XXX-Gewerkschaft ist bestimmt dagegen, die XXX-Lobby auch, außerdem schaffen wir es bestimmt nicht durch den Bundestag und wir müssen die XXX und YYY Verordnung noch beachten. Lassen wir es lieber bleiben". Tot.

Brauchen Sie noch mehr Beispiele? Da kann ich Ihnen sehr viele Beispiele nennen. Ich bin Berater, man bezahlt mich für Ideen. Immerhin, Geld ist ja zum kleinsten gemeinsamen Nenner geworden. Nicht zu schlecht für einen Hofnarren. Aber sehr frustrierend. Man wird zynisch, merken Sie? Kein Wunder, dass Deutsche nur noch dann Nobelpreise bekommen, wenn sie im Ausland arbeiten. Da habe ich auch mal spaßeshalber nachgezählt: bis in die 50er haben "wir" 48 mal den Nobelpreis erhalten, seitdem nur noch 25 mal. Ziel fast erreicht: 50% weniger Chaoten! Gott sei Dank ist ja der Rest fast komplett im Ausland! Endlich Ruhe und Ordnung.

Ohne Kreativität stirbt jede Gesellschaft.

Und zwar Kreativität in jedem Bereich. Das ist unwiderruflich! Ein Naturgesetz! Und Kreativität lässt sich nicht organisieren! Kreativität entsteht in der Unordnung, in der Freiheit, in der Abwesenheit oder gar Ignoranz von Regeln und Gesetzen. Kreativität braucht eine Portion Chaos. Und das sehr zum Verdruss derer, die so etwas nicht mögen. Sie können so etwas leider nicht verstehen. Sie lachen nur darüber.

David Keirsey hat herausgefunden, dass die "Ordnungsfanatiker" - die SJ's oder Bauernartige - etwa 40 bis 45% einer Bevölkerung ausmachen. 35 bis 40% - die SP's oder Jägerartige - mögen Ordnung nicht, sie sind dynamisch, impulsiv und wollen eher Spaß am Leben haben. Das gefällt den SJ's nicht, außer vielleicht beim Sport. Dann gibt es noch einen kleinen Rest: die N's oder Intuitive, die sind an Wissen, Ideen und der Zukunft interessiert. Die Hofnarren, Philosophen und Visionäre. Gunter Dueck hat daraufhin festgestellt, dass unser ganzes System darauf basiert, dass die SJ's versuchen, die SP's durch Regeln und Gesetze zu disziplinieren. Die anderen, also die N's oder Hofnarren, stehen am Rande des Schlachtfeldes. Sie schauen zu, schütteln mit dem Kopf und sagen ab und zu schlaue Sachen. Daraufhin stoppen die SJ's und SP's kurz, schauen die N's bemitleidend an, lachen und gehen wieder aufeinander los. Interessant gell?

Das Interessante an dieser Methode ist nicht nur, dass sie bestimmte Zustände fast mathematisch beschreibt. Das Interessante ist vor allem diese Botschaft: Diese Gruppen sind komplementär, sie ergänzen sich optimal. Die eine ist ohne die anderen nicht lebensfähig. Keine ist BESSER als die anderen! Sobald eine Gruppe zu dominant wird, funktioniert das System nicht mehr richtig!

Wir haben es zur Zeit in Deutschland mit einer großen SJ-Dominanz zu tun (40%? Wahlergebnisse? Komisch oder? Lesen Sie mal Wild Duck von Dueck). In deren Wut, alles ordnen und regulieren zu wollen, haben sie das System aus dem Gleichgewicht gebracht Sie haben keinen Freiraum für Kreativität und neue Ideen gelassen. Es ist überreguliert! Die Controller und Sicherheitsapostel haben vor lauter Angst, dass sich ein Jägerartiger unartig oder abartig verhält, alle anderen zum Stillstand verdonnert. Wenn sich keiner bewegt, kann keiner etwas falsch machen! Dann bleiben auch alle stehen. Tot.

Wie können wir uns wieder nach vorne bewegen?

Wie können wir überleben? Wir müssen dringend wieder Freiräume für Kreativität lassen, wir müssen wieder gute Ideen sich entfalten lassen, ohne sie sofort zu kastrieren. Wie? Einfach gesagt: durch gezielte Desorganisation. Das Problem dabei ist, dass sich allein bei diesem Wort die Nackenhaare der SJ's aufstellen. Sie lachen kurz und machen weiter wie bisher. Ordnung schaffen, SP's disziplinieren, regeln, Kreativität töten. Mit ihnen ist es nicht zu machen aber auch nicht gegen sie. Wir benötigen ja Ordnung genauso wie Unordnung. Es muss nur im Gleichgewicht sein.

Um dieses Gleichgewicht wieder herzustellen müssen wir gegenlenken. Also wieder gezielte Unordnung schaffen, Desorganisation. Es geht! Die Bücher von Tom Peters sind voller Beispiele gelungener Desorganisationen. Einfach mal probieren. Zum Beispiel (die Betonung liegt auf Beispiel!) so: wir geben 10000 Leuten je 100.000,- Euro (und nicht 10 Mio. an 100 Leute wie bei der New Economy. Da habe ich auch gesagt, dass wäre übertrieben. Ham wir gelacht! Trotzdem war es erfolgreich! Hahaha, gell?). Sie sollen einfach damit etwas Sinnvolles machen, ein Unternehmen gründen, was auch immer. Am besten da, wo wir etwas brauchen. Und befreien sie für 5 Jahre von sämtlichen Auflagen. Wir lassen sie machen. Einfach so. Einfach 1 Milliarde in Kreativität investieren. Meine Wette: es kommen 10 Milliarden an Steuern und Sozialabgaben zurück - 900% Rendite! Wenn Sie jetzt meinen "Die machen doch damit nur Unsinn" sind Sie höchstwahrscheinlich SJ-artig. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Auflagen, Verordnungen usw..., da mache ich sonst die Gegenwette: es kommt gar nichts zurück! Klingt verrückt? Ich weiß, ich bin ein Hofnarr. Aber so verrückt ist es gar nicht. Die staatlichen Förderanstalten geben jährlich Millionen an Fördergeldern zurück, die aufgrund von Auflagen keiner nutzen kann. Millionen verlorene Chancen. Tote Kreativität.

Natürlich kann es auch dadurch zu sehr desorganisiert und zu chaotisch werden. Natürlich wird es immer ein paar geben, die Unsinn machen, das kann man auch mit Gesetzen nicht vermeiden. Macht nix! Wir wissen ja, wie wir wieder Ordnung bringen können, sollte es nötig sein. Wir lassen die SJ's wieder ran, die können das! Aber in der Zwischenzeit haben wir uns alle nach vorne bewegt. Fortschritt. Gas geben auf der Gerade (SP), runterschalten vor der Kurve (SJ). Aber nicht zu sehr bremsen, mit Drift wieder aus der Kurve raus (N). Und vorsichtshalber Überrollkäfig einbauen (SJ). Dann geht nicht zu viel kaputt, sollte etwas schief gehen. Und wenn? Wieder aufstehen, los, diesmal mit mehr Gefühl, wir haben ja schließlich etwas DAZUGELERNT, wir sind BESSER geworden! Und so hat jeder etwas davon.

Utopie? Nein, es könnte gehen. Wie? Eine neue politische Mehrheit: ein paar N's für die richtigen Visionen gepaart mit der Power der SP's. Und wir brauchen unbedingt ein paar SJ's um es zu organisieren. Aber nicht zu viel von allem. Diese Partei oder Koalition habe ich leider noch nicht gefunden, ich würde sie sehr gerne wählen. Vielleicht sollte ich sie gründen, ich wäre dazu bereit. Eine, die sich wieder der Vernunft widmet. Die neuen Technologien werden dabei entscheidend helfen. Wir starten die Ära der "New Politic" mit einer Polit-Startup. Wir starten e-Politic. Initiative Vernunft ? www.iVernunft.de. Wer macht mit? Schreiben Sie mir: mitmachen@iVernunft.de. Ich habe da ein paar Ideen. Und Sie bestimmt auch. Nur Mut!

Wer dies liest, kurz auflacht und weitermacht, ist bald tot.

Posted by dsb at 29.11.02 21:09 | TrackBack | Category: eher ernst

Quelle: dsb - entnommen der side www.nteetime.de mit freundlicher Genehmigung vom 23.01.2004