Hanjo 2008
Hanjo´s Gästebuch
Impressum
E-Mail an Hanjo
Schweden heute

Frankfurter Allgemeine Archiv
Wirtschaft Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2004, Nr. 249, S. 14
Länderbericht: Schweden

Nur die Großkonzerne werden gepäppelt
Wachsende Entfremdung zwischen der Regierung und dem Mittelstand / Von Robert von Lucius

Warum wird das Saab-Werk im schwedischen Trollhättan - zumindest bis 2008 - weitgehend verschont, die deutschen Werke von General Motors aber nicht?

In seiner Wettbewerbsfähigkeit wird, so zeigen internationale Vergleiche, Schweden nur von Finnland und Amerika übertroffen. Die hohe Produktivität nimmt zu, das Wirtschaftswachstum liegt bei knapp 3,5 Prozent, der Auftragseingang ist ebenso solide wie der Export. Dennoch gibt es warnende Töne. Neben hoher Arbeitslosigkeit sind es vor allem strukturelle Sorgen und das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, die den Mittelstand umtreiben.

STOCKHOLM, 24. Oktober

Der Zwiespalt, der jede Einschätzung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft des größten nordischen Staates belastet, spiegelt sich in vielen Untersuchungen wider: In keinem anderen Land sei das Klima angenehmer für Angestellte, nirgends könnten sie sich sicherer und behüteter fühlen. Mit Sicherheit und Selbstgewißheit gehe aber oft gelähmte Energie zusammen und fehlende Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Und ein Ungleichgewicht in den Arbeitsbeziehungen, ein Übergewicht der Rolle der Gewerkschaften, die mit den Sozialdemokraten eng verbandelt sind. Beide sind in wohlformulierter Arbeitsteilung seit sieben Jahrzehnten mit wenigen Unterbrechungen an der Macht. Das prägt Wirtschaftspolitik und Sozialstruktur in Diese Einstellung äußert sich in vielem: in der zögerlichen Haltung zur Europäischen Union und zum Euro etwa oder in der Bevorzugung der Großindustrie vor Mittelstand und Kleingewerbe. Das kann sich bis in kleinste Details auswirken. So wies die deutsche Seite vor einigen Tagen bei den jährlichen Wirtschaftskonsultationen zwischen Schweden und Deutschland auf bewusste Verstöße gegen europäische Verpflichtungen: Die schwedische Baugewerkschaft fordert von deutschen Bauunternehmen mit Aufträgen in Schweden, ihre Arbeiter müssten Haustarifverträge und Zusatzversicherungen abschließen, wiewohl das ein offenkundig unerlaubtes Handelshindernis ist.

Die Regierung in Stockholm, die der Gewerkschaftsmacht nicht trotzen will, weiß das, bleibt aber untätig: Sie scheut sich, eine "Büchse der Pandora" zu öffnen. Und das, obwohl die Regierung fast zeitgleich in ihrem Wirtschaftsbericht an die EU Mitte Oktober zugestand, der Wettbewerb auf dem Heimatmarkt sei zu niedrig, was zu hohen Kosten beitrage. Ebenso wenig geschieht nach wiederholten Hinweisen der EU in ihren Konvergenzberichten, dass die schwedische Gesetzgebung die Unabhängigkeit der Notenbank in Stockholm nicht ausreichend sichert und Schweden schon daher sich nicht für einen Beitritt zur europäischen Währungsunion qualifizierte; aber diesen strebt Stockholm ja auch nicht an, obwohl es dazu nach EU-Recht verpflichtet wäre. Anders als Kopenhagen und London hatte es keine Ausnahmeerlaubnis erbeten oder erhalten, was beim Wahlkampf zum Euro-Referendum im Vorjahr gar nicht erst erwähnt wurde. Die EU ist ungeliebt; Europafahnen hängen in fast jedem anderen Mitgliedsland, auch den neuen, zuhauf an öffentlichen Gebäuden, in Stockholm trägt sie allenfalls der Leiter der EU-Delegation diskret am Revers. Dabei hatte der EU-Beitritt Schwedens 1995 dessen Wirtschaftsstruktur verschoben. Das wirtschaftliche Regelwerk von Ladenöffnungszeiten bis zum Alkoholausschank wurde offener, der Arbeitsmarkt flexibler, die Märkte für Strom und Telekom wurden dem Wettbewerb geöffnet.

Aus dem Dreiklang Gewerkschaft, Partei, Staat erklärt sich die wachsende Entfremdung zwischen Regierung und Teilen der Wirtschaft, vor allem den Wirtschaftsverbänden. Für Großkonzerne um die Wallenberg-Dynastie herum oder jene mit hoher Abhängigkeit von Staatsaufträgen gilt das nicht. Ihnen hat sich die Sozialdemokratie stets nahe gefühlt, und für diese setzt sie sich ein. Die Abhängigkeit der schwedischen Wirtschaftsstruktur von der Großindustrie und ihrem Wohlergehen kann sich rächen, vor allem am Arbeitsmarkt: In Schweden wächst die Wirtschaft, aber die Zahl der Arbeitsplätze schrumpft. Der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Monate beruht auf dem rapide wachsenden Export nach Asien und in die Vereinigten Staaten, weniger in die Eurozone.

Zum Ausfuhranstieg um 9 Prozent seit Jahresbeginn trugen nur wenige Konzerne und Warengruppen bei - Autos (Volvo), Lastwagen und Busse (Volvo und Scania), Mobilfunk (Ericsson), Stahl (SSAB), Pharmazie (AstraZeneca) und Bergbau (Boliden). Neun Konzerne stellen 44 Prozent des schwedischen Exports.

Nach 1970 wurde kein einziges Unternehmen von Gewicht und keines der "fünfzig Großen" in Schweden gegründet, was die schwedische Industrie verwundbar macht. Der schwedische Wohlstand hängt von einigen Traditionskonzernen ab, zudem vom Dollarkurs, dem Ölpreis und der Wirtschaftslage in China. Die Zahl schwedischer Unternehmer sinkt beständig. Nur sieben Prozent der Bevölkerung sind selbständig beziehungsweise als Unternehmer tätig, der niedrigste Anteil seit dem Krisenjahr 1991. Das Steuersystem reizt nicht zu eigenen Anstrengungen. Zwei Drittel aller Schweden sind vom Staat oder von Kommunen beschäftigt oder werden von Sozialleistungen, Pensionen, Krankengeldern finanziert. Zudem steigt die Arbeitslosigkeit - sie liegt bei gut 6 Prozent - derzeit schneller als in jedem anderen EU-Land, vor allem bei jungen und über lange Zeit Arbeitslosen. Von Auslandsinvestitionen ist eine Erholung nur in kleinem Maß zu erwarten. Seit 2003 gab es zwar viele Immobilienaufkäufe durch ausländische Fonds, aber kaum Auslandsinvestitionen in produktive Bereiche. Bis 2002 floss fünf Jahre lang noch viel ausländisches Geld für Direktinvestitionen nach Schweden, vor allem beim Kauf von Telekom- und IT-Firmen. 2003 lagen ausländische Direktinvestitionen bei gut zwei Milliarden Euro, im Jahr davor waren es fast sechsmal soviel.

Die schwedische Automobilindustrie ist ein Kern der schwedischen Industrie, und wenn ein Grundbaustein wackelt, wackeln auch Zulieferer. Das erklärt, neben der ohnehin in Westschweden prekären Arbeitsmarktlage, warum die Regierung die Werkschließung von Saab in Trollhättan sofort zur "Chefsache" erklärte, Krisenstäbe bildete und Staatshilfen versprach, womit sie zumindest vorerst auch Erfolg hatte. Sie konnte bei ihrem Wettbewerb mit Opel in Bochum und Rüsselsheim bauen auf ihr enges Zusammenwirken mit verständigen Gewerkschaften, auf die von Konsens geprägte Unternehmenskultur wie auch auf das schwedische Lohn- und Sozialsystem. Arbeitnehmer erhalten in Schweden Stundenlöhne, die zwischen 10 und 20 Prozent unter jenen in Deutschland liegen. Davon müssen sie dann Steuern und Sozialabgaben zahlen, die deutlich über den mitteleuropäischen Vergleichswerten liegen. Zudem sind die Lebenshaltungskosten deutlich höher als in Mitteleuropa. Immerhin fällt niemand aus dem sozialen Sicherungsnetz vollständig heraus.

Die Lohn- und Abgabenstruktur zu Lasten der Arbeitnehmer trägt bei zur hohen Wettbewerbsfähigkeit Schwedens im europäischen Vergleich. Dazu kommen Reformen und Einschnitte, die die Regierung nach der Banken- und Wirtschaftskrise vor gut einem Jahrzehnt durchzusetzen vermochte mit einer strikten und unpopulären Sparpolitik. Nicht weniges hat die Regierung in der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre gut gemacht. Der Arbeitsmarkt ist flexibler als in vielen anderen europäischen Ländern. Firmengründungen sind unkompliziert, und von einem zentralen elektronischen Handelsregister wie in Schweden kann Deutschland nur träumen. Unternehmen sind innovativ, die Industrieforschung und das technologische Verständnis der Mitarbeiter von hoher Qualität. Kapital wird, anders als das persönliche Einkommen, relativ gering besteuert, neben den niedrigen Lohnkosten ein weiterer Grund, weshalb ausländische Firmen erfolgreich nach Schweden gelockt werden, reiche Schweden vom Ikea-Gründer Ingvar Kamprad bis zur Familie des Erfinders der Papiermilchtüten, Rausing, aber das Land verlassen.

Unter kleineren deutschen Unternehmen, die derzeit nach Schweden kommen, sind Baufirmen, Baumärkte, Einzelhandelsketten. In den letzten Jahren wurden deutsche Firmen in Schweden zum drittgrößten ausländischen Investor nach Finnland und Großbritannien. Die Zahl deutscher Tochtergesellschaften in Schweden hat sich im letzten Jahrfünft fast verdoppelt. Zu den großen Anlegern zählen Linde, Heidelberger Zement, Eon und Bosch. Im schwedischen Transport- und Logistikmarkt hat der deutsche Staat einen erheblichen Einfluß. In der umgekehrten Richtung gilt das indes auch: Neben großen privaten schwedischen Investoren in Deutschland von der SEB-Bank bis zum Wälzlagerkonzern SKF ist der staatseigene schwedische Vattenfall drittgrößter Stromanbieter in Deutschland, vor allem um Hamburg und Berlin herum, also auch in jenen Gebieten Nordostdeutschlands, die in den schwedischen Großmachtjahren nach dem Westfälischen Frieden Teil des schwedischen Königreiches waren. Stärker noch ist die Verbindung beider Wirtschaften im Handel: Für Schweden ist Deutschland seit vier Jahrzehnten größter Außenhandelspartner.

Land und Leute

Assoziationen mit Schweden sind vielfältig wie selten, und nicht alle sind falsch. An weite flache Birkenwälder, blonde Frauen, eine Königin aus deutschen Landen und Elche denken die einen, an Unternehmen mit Weltgeltung wie Ikea, Ericsson und Electrolux die anderen, an ein inzwischen bröckelndes Wohlfahrtssystem und ein zwischen allem und allen jonglierendes Volksheim die dritten. Ihre kulturelle und religiöse Homogenität haben die ca. 9 Millionen Schweden, anders als Dänen und Finnen, in den vergangenen drei Jahrzehnten im Zuge der Öffnung ihrer Grenzen für Verfolgte hintangestellt, was zu oft verdeckten Spannungen führt. Nach dem Mord an der Außenministerin Anna Lindh und dank schwedischer Kriminalromane wird nun auch die andere, melancholische und schwierige Seite der Gesellschaft sichtbar in anhaltenden Debatten über Gewaltkriminalität, die Lage der Psychiatrie, die Ausländerintegration, religiösen Fanatismus in Freikirchengemeinden.Arbeitsstelle

So beständig, gewachsen und selbstgenügsam Schweden scheint, zumindest in Teilen der Großstädte und der Jugend öffnet sich das Königreich langsam anderem Denken, wird europäischer und bunter zugleich.